Das volle Leben ist rot-weiß

Die Bühne ist leer. Stille. An den Seiten einer Stellwand krabbeln die Finger von zwei Händen hervor, links und rechts. Kurz darauf erscheint ein Gesicht über der Stellwand, mit Schlapphut, roter Nase. Zwei aufgerissene Augen lugen hervor. Die Hände wandern immer weiter nach unten, und weiter, die Augen oben schauen irritiert nach unten, zu den Händen, wundern sich. Der Zuschauer auch. Ist das jetzt einer, oder sind es zwei?

 

Es sind zwei, bei denen man jedoch immer wieder das Gefühl hat, dass sie eigentlich zwei Teile von einem Ganzen sind: von einem rot-weiß gestreiften Doppelback, das nicht ohneeinander kann, aber eben auch nicht immer miteinander: Die Berliner Clowinnen Sti und Stu. Sti ist eher klein und dicklich, anschmiegsam und nah am Wasser gebaut. Stu lang und dünn, mit einem bisweilen etwas dümmlichen Gesichtsausdruck, der zunächst weder den immer wieder aufblitzenden Schalk noch die kleinen Gemeinheiten vermuten lässt, die Stu für seinen Kompanion in Petto hat.

 

Sti und Stu sind wie Topf und Deckel, eine moderne Version von Dick und Doof. Auf der Bühne in ständiger Auseinandersetzung, beschäftigt mit sich und dem anderen, mit der - zunächst feindlichen – Welt und nicht zuletzt mit diversen Objekten der Begierde: dem Stuhl, dem Bonbon, dem Lolli.

Sti und Stu ärgern und versöhnen, verlassen und verfolgen, suchen und finden sich. Oft genug verlieren sie im Überschwang der Gefühle dabei die Kontrolle, verwursteln und verknoten sich, lassen sich treiben und wissen selbst nicht, wie ihnen bei all dem geschieht. Das verbindet dann wieder.

Neugier und Neid, Scham und Staunen, Wut und Reue, Erwartung und Enttäuschung spiegeln sich auf den Gesichtern der beiden RotnasInnen wieder, die zeigen, wie es ist, ins Leben geworfen zu werden. Und was es so mit der Freundschaft, mit Liebe, mit Beziehung schlechthin auf sich hat.

 

Sti und Stu, das sind Lilli und Clara, zwei Absolventinnen der Hannover Clownsschule TuT. Sie knüpfen in ihrer Arbeit zwar an die Tradition der klassischen Clownerie an, integrieren jedoch auch Elemente des absurden Theaters und schaffen damit eine erfrischende Form von modernem Clownstheater fernab jeder Sterotype. Mit Circusclowns, den gängigen Tricks der Clowns aus dem Kinderprogramm und vor allem der hier häufigen Schadenfreude auf Kosten von Dritten hat ihre Nummer jedoch nichts zu tun, eher mit einem liebevoll-humorvollen Blick auf die menschlichen Schwächen, auf große Träume und die Tücken der Realität. Feinsinn, Akrobatik und Slapstick machen ihre Nummern, die man sich sehr viel besser auf der Bühne als beim Betriebsausflug vorstellen kann, aus. Mal tiefsinnig und leise, mal laut und überbordend-chaotisch, immer aber frisch und unverbraucht präsentieren sich die beiden Nachwuchskünstlerinnen, die bereits auf zahlreiche Auftritten in Berlin, Rudolphstein, Frankfurt a.M., Hannover, Lüneburg, Tutzing oder Magdeburg als Duo oder Ensemble zurückblicken können. Emotional völlig unverfälscht spiegeln sie uns als Zuschauern wieder, was Fühlen heißt. Ja, sie bringen zum Lachen, aber es ist noch mehr, was ihre Nummern ausmacht: Dadurch, dass sie selbst ihr Herz auf Gesicht und Händen tragen, öffnen sie auch das Herz des Zuschauers. Und man geht ein wenig anders aus der Nummer heraus – berührt von der Schönheit und der Tragik, die das Leben so mit sich bringt.

 

Annette Kerckhoff, Journalistin